Zum Inhalt springen

Steuerboxen im Stromnetz: Technik, Einsatz und Herausforderungen

Wozu braucht man Steuerboxen?

Schwarzes Elektroauto lädt an Wandladestation in Tiefgarage

Steuerboxen sind elektronische Geräte, die eingreifen, wenn im Verteilnetz ein Engpass droht – also wenn zu viele Lasten gleichzeitig Strom beziehen oder einspeisen. Gemäß dem Energiewirtschaftsrecht (§ 14a EnWG und §9 EEG) erhalten Netzbetreiber das Recht, bei Gefahr der Netzüberlastung den Strombezug sogenannter steuerbarer Verbrauchseinrichtungen (StVE) oder steuerbarer Erzeugungsanlagen (EZA) gezielt zu drosseln.

Zu diesen StVE und EZA zählen Anlagen wie

  • Wallboxen (Ladestationen für Elektrofahrzeuge)
  • Batteriespeicher
  • Wärmepumpen oder Klimageräte
  • PV-Anlagen

Der Netzbetreiber darf in Ausnahmefällen eine Drosselungsmaßnahme auslösen – etwa zur Vermeidung eines lokalen Netzausfalls. Dabei muss er aber gewährleisten, dass wenigstens ein Mindestmaß an Leistungsbezug bestehen bleibt.

Unter die Pflicht für den Einbau von Steuerboxen gem. §14a EnWG fallen Anlagen die eine bestimmte Mindestleistung (ab 4,2 kW) haben und fest am Niederspannungsnetz angeschlossen sind.
Steuerboxen müssen zudem zuverlässig arbeiten, verschlüsselte Kommunikation ermöglichen und strengen Sicherheitsrichtlinien entsprechen (gemäß BSI - TR -03109-5). Sie werden als zusätzliche Steuerungskomponente zum Smart Meter Gateway betrieben und nutzen dieses für die sichere Kommunikation.

Steuerboxen sind damit eine Art „Sicherheitsventil“ im System: sie greifen nur dann ein, wenn es dringend nötig ist, um das Netz stabil zu halten.

Technische Varianten: Relais vs. EEBus

Steuerboxen verfügen gemäß VDE FNN Lastenheft über verschiedene Optionen für den Anschluss steuerbarer Einrichtungen:

  • Relais: Die konventionelle Variante verwendet Relaiskontakte, um nachgelagerte Anlagen (wie z.B. Wärmepumpen) ein- oder auszuschalten bzw. zu drosseln. Der Vorteil: Diese Lösung ist sehr robust, funktioniert unabhängig von komplexen Protokollen und ermöglicht es Anlagen im Bestand nachzurüsten. Der Nachteil: Relais allein bieten weniger Flexibilität und Intelligenz – über die Kontakte lassen sich nur binäre Signale (an/aus) übermitteln. Über die vier Relais kann so z.B. die Leistung von EEG-Anlagen (PV) auf 100%, 60%, 30% oder 0% definierte werden, jedoch keine Werte dazwischen.
  • EEBus (Digitale Schnittstelle): EEBus ist ein Kommunikationsstandard, der eine feinere, intelligentere Steuerung zulässt. Statt einfach über die binäre „ein/aus“ Logik definierte Zustände vorzugeben, kann man beispielsweise Leistungsanteile dynamisch und stufenlos regeln. Zudem ermöglicht EEBus die Vernetzung von Geräten in einem Heimnetz („Home Area Network“). Dies bietet den Vorteil, dass der Netzbetreiber zukünftig für eine Leistungsbegrenzung den Hausanschlusspunkt als Gesamtheit betrachten wird, die Erreichung der vorgegebenen Leistung jedoch durch die dahinterliegenden Geräte intelligent austariert werden kann. Zukünftig soll vorwiegend EEBUS als standardisiertes Protokoll und digitale Schnittstelle genutzt werden.

Steuerbox direkt vs. über HEMS (Home Energy Management System)

Steuerbox direkt (Standalone)

In der direkten Lösung sitzt die Steuerbox zwischen Netz und den Verbrauchseinrichtungen. Der Netzbetreiber sendet ein Signal via Smart Meter Gateway, das dann direkt auf die Steuerbox wirkt – diese schaltet oder drosselt die StVE, ohne dass eine übergeordnete Steuerungslogik im Gebäude eingreift.

Vorteile:

  • Geringe Komplexität
  • Klare Trennlinie zwischen Netzsteuerung und Gebäudetechnik
  • Weniger Kow-How für die Installation erforderlich

Nachteile:

  • Geringe Flexibilität
  • Kein Einfluss des Nutzers auf Verteilung oder Prioritäten
  • In Fällen mit mehreren StVE kann die Verteilung statisch oder unflexibel sein

Steuerbox über HEMS (integriert in ein Energiemanagementsystem)

In dieser Variante übernimmt ein HEMS die übergeordnete Steuerung mehrerer Anlagen im Gebäude, basierend auf Parametern wie z.B. Strompreis, PV-Einspeisung, Wetterprognose oder Nutzerpräferenzen. Die Steuerbox fungiert eher als „Notbremse“ – wenn der Netzbetreiber eingreift, überschreibt die Steuerbox die Steuerung des HEMS bzw. definiert eine einzuhaltende Leistungsgrenze (Pmax). Das HEMS muss die nachgelagerten Anlagen so aussteuern, dass die Leistungsbegrenzung am Netzübergabepunkt eingehalten wird.

Vorteile:

  • Höhere Effizienz im Standardbetrieb, z.B. durch Eigenstromnutzung (PV-Anlage)
  • Festlegen von Prioritäten oder Komforteinstellung durch den Nutzer möglich
  • Durch flexiblere Lastverteilung zwischen mehreren Anlagen wird der Nutzer auch in Zeiten des Eingriffs durch den Netzbetreiber weniger beeinträchtigt

Nachteile:

  • Komplexere Systemarchitektur und höherer Integrationsaufwand
  • Nur für Gebäude mit kombinierbaren Anlagen (z.B. PV-Anlage, Wärmepumpe, Wallboxen)
  • Aktuell noch eigeschränkte Verfügbarkeit kompatibler HEMS und Geräte

Herausforderungen und Ausblicke

  • Zulassung und Zertifizierung: Steuerboxen müssen hohen Sicherheits- und Datenschutzanforderungen genügen und entsprechende Zertifizierungsverfahren bestehen.
  • Interoperabilität: Es muss sichergestellt sein, dass Steuerboxen mit verschiedensten Geräten harmonieren, ebenso müssen anzubindende Geräte um aktuelle Kommunikationsstandards erweitert werden.
  • Rollout und Verbreitung: Der flächendeckende Einbau ist noch in den Anfängen – viele Stromnetze und Messstellen sind noch nicht ausreichend modernisiert.
  • Technische Weiterentwicklungen: Es gibt aktuell bereits unterschiedliche Ausprägungen der "Steuerbox" und Konzepte zur Weiterentwicklung, z.B. die Steuerfunktionen über EEBus direkt ins Smart Meter Gateway zu verlagern, um Hardware und Kommunikationsschritte zu sparen.
  • Hybride Steuerungssysteme: In Zukunft könnte ein integriertes System entstehen, das durch Zusammenspiel und intelligente Verknüpfung sowohl netzdienlich als auch nutzerorientiert steuert.
Zur Übersicht

Porträt einer lächelnden Frau mit grüner Jacke

Carola Ochs

Head of Metering Solutions, imovis

Seit 2017 gestaltet Carola Ochs Strategien rund um SMGW, CLS und den Messstellenbetrieb. Nach Stationen bei PPC und beyonnex war sie bei imovis im Produkt‑ und Innovationsmanagement tätig. Heute leitet sie bei imovis den Bereich Metering Solutions und verantwortet die systemische Umsetzung aller Metering‑Prozesse sowie die kontinuierliche Weiterentwicklung der zentralen Metering‑Plattform.

Auch interessant